Interessant vor relevant?
Orientierungslosigkeit und Identitätsverluste –
Wohin steuert der Journalismus?


„Richtig informieren heißt auch schon verändern.“
Rudolf Augstein
Düsseldorfer Rhein-Ruhr-Club 1953

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Feuchtgebiete und Schoßgebete oder Rettungsschirme und Ratingagenturen – Die Veränderung der Nachrichtenfaktoren greifen die Fundamente des informierenden Journalismus an

Bundestagspräsident Norbert Lammert hat das Bundesverdienstkreuz verdient. Seit Monaten wird er nicht müde, auf die gefährdete „Legitimation“ der Demokratie und des Parlaments hinzuweisen. Die vom Volk gewählten Abgeordneten sollen nur noch eilig abnicken, was in den Verwaltungszentralen der Europäischen Kommission und im Kanzleramt in enger Kooperation mit der Finanzmarkt-Lobby zubereitet wurde.
Sein Befund gilt ausdrücklich nicht nur im Zusammenhang mit der bedrohlichen Banken- und Schuldenkrise. Bis heute ist es nicht gelungen, die wahren Ursachen der Finanzkrise sauber zu analysieren, Verantwortliche zu benennen und die richtigen Konsequenzen aus der verheerenden Dominanz der Finanzmärkte zu ziehen. Nur in einem Punkt ist man sich einig: die Politik kann ihren Bürgern nicht nachvollziehbar erklären, warum „die Märkte“, Banken und verschuldete Staaten mit hunderten von Milliarden Steuergeldern „gerettet“ werden sollen? Wäre dies nicht die grosse Stunde der Medien, die die Zusammenhänge erklären und erläutern, die Interessen der Akteure entziffern und gefährliche Instrumente der Finanzmärkte enthüllen könnten? Zugegeben: etwas Selbstkritik der Wirtschaftsjournalisten gibt es, nach 23.00 Uhr waren sehenswerte Dokumentationen im Programm. Aber – gemessen an der demokratie-zersetzenden Rolle der unregulierten Finanzmärkte, wird sich die `Vierte Gewalt` – bezogen auf ihrem Anspruch als  Kritik- und Kontroll-Instanz – nur als viertklassig bilanzieren lassen. Über die Versäumnisse, Irrtümer und Defizite diskutieren in Mainz führende Wirtschaftsjournalisten; sie stellen sich der Kritik von ausgewiesenen Wissenschaftlern.

Wenn Orientierungslosigkeit und die Identitätsverluste von Journalisten gemustert werden, darf der „blinde Fleck des Auslandsjournalismus“ nicht ausgeklammert werden. Während des MainzerMedienDisputs wollen wir den Blick auch auf den notleidenden Krisen-Journalismus richten. Nicht wenige Berichte aus Afghanistan könnten auch direkt von den mobilent-TV-Teams der Einsatzkräfte produziert sein. Distanzlosigkeit, Begleiteinsätze der Truppen, Ausklammern der Fakten rund um einen aussichtslosen Einsatz prägen einen Journalismus, der sich „freiwillig in die Handlungslogik des Militärs einbinden lässt“ (embeded journalism). Von den Hotel-Terrassen der Nachbar-Staaten wird über die Revolte in Libyen berichtet, Gerüchte werden aufgeworfen und  dementiert oder faktenfrei aufgebauscht. Die gemeinsame Klammer nicht nur in diesem Krisengebiet: nichts genaues weiss man nicht. Den überforderten Reportern vor Ort kann man hier kaum einen Vorwurf machen. Als Einzelkämpfer im Fallschirm-Einsatz hängen sie meist an der Nadel der nationalen Planungs-Redaktionen, die wiederum die Instant-Texte der Nachrichtenagenturen für die einzig wahre road-map halten. In Mainz treffen sich erstmals Macher und Planer zu einem ehrlichen Diskurs über die Grenzen der Kriegs- und Krisenberichterstattung.

Alle fabulieren von der zunehmenden Bedeutung des online-Journalismus. Aber – sieht das Innenleben dieser Sparte wirklich aus. Gibt es hier – bezogen auf das Spannungsverhältnis von interessant und relevant – eine Akzentverschiebung Richtung Boulevard mit einer Rückkopplung auf die etablierten Medien? Leben auch hier immer mehr Medienmacher von gefilterter Luft aus Fremdquellen l und entwickelt sich der Beruf immer rasanter zu einer Tätigkeit? Das heikle Spannungsverhältnis von Handwerk und Tätigkeit, von Aufklären und Abschreiben, von Eigenständigkeit und Fremdbestimmung, von Tiefenbohrungen und Textbearbeitung diskutieren auf dem MainzerMedienDisput u.a. die Chefredakteure der führenden online-Portale.